| | Phil. 4,10-16 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen. Liebe Gemeinde! Der Text, um den es heute in der Predigt geht, steht im Philipperbrief. Das ist ein Brief des Paulus, den er an die Gemeinde in Philippi geschrieben hat. . Paulus ist der Apostel, der im östlichen Mittelmeerraum das Evangelium verkündet und nun auch die ersten griechischen Städte aufsucht. Er ist Zeltnäher und wandert von Ort zu Ort, sucht in den fremden Städten die jüdischen Gemeinden auf und predigt dort das Evangelium von Jesus Christus. Nach kürzerer oder längerer Zeit wandert er weiter in die nächste Stadt, um dort das Gleiche zu tun. Keineswegs immer stößt seine Predigt auf freundliche Aufnahme. Es kommt vor, dass die Gläubigen ihn einfach nicht beachten, dass sie ihn als Ketzer ablehnen, dass sie mit Steinen nach ihm werfen, dass sie ihm den Prozess machen wollen, um ihn wieder loszuwerden. Es kommt auch vor, dass die heidnische religiöse Konkurrenz sich durch seine Predigt in ihrer Existenz bedroht sieht und ihn ins Gefängnis setzen lässt. So ist es Paulus z.B. in Ephesus gegangen. Wer im Römischen Reich ins Gefängnis kam, wurde nicht mit Essen und Trinken versorgt, er hatte es nicht gemütlich in seiner Zelle. Er war eingesperrt, das ist auch heute noch so, er konnte sich also nicht frei bewegen. Es gab aber die Möglichkeit, dass Angehörige den Gefangenen mit Lebensmitteln versorgten. Sie konnten ihn ohne Schwierigkeiten besuchen und mit ihm reden und ihm Geld oder andere Sachen zustecken. Wer im Gefängnis saß, konnte auch Briefe schreiben und diese Briefe seinen Angehörigen mitgeben, damit sie sie den Empfängern überbrachten. So etwa müssen wir uns die Situation des Paulus vorstellen. Er sitzt im Gefängnis zu Ephesus, zu ihm kommt ein Bote aus Philippi, wo Paulus vor einiger Zeit eine Gemeinde gegründet hat. Dieser Bote, er heißt Epaphroditus, bringt im etwas Geld und hat ihm erzählt, wie es der Gemeinde in Philippi geht, möglicherweise hat er Paulus auch einen Brief der Gemeinde überbracht, das wissen wir nicht. Jedenfalls antwortet Paulus der Gemeinde mit einem Brief, dem Philipperbrief, in dem er auf die Lage der Gemeinde eingeht. Der Text, um den es heute gehen soll, steht ziemlich am Ende dieses Briefes, hören Sie Phil. 4,10-16: Ich habe mich im Herrn sehr gefreut, dass ihr eure Fürsorge für mich endlich wieder entfalten konntet; ihr habt ja stets daran gedacht, hattet aber keine Gelegenheit dazu. Ich sage das nicht, weil mir etwas fehlt; ich habe nämlich gelernt, in allen Lagen unabhängig zu sein. Ich kann bescheiden leben, ich kann aber auch im Überfluss leben; in alles und in jedes bin ich eingeweiht: Satt werden und Hunger zu leiden, Überfluss zu haben und Mangel zu leiden. Alles vermag ich durch den, der mir die Kraft dazu gibt. Doch ihr habt gut daran getan, meine Not zu teilen. Ihr in Philippi wisst ja selbst, dass am Beginn der Ausbreitung des Evangeliums, als ich von Makedonien aufbrach, keine Gemeinde mit mir Gemeinschaft hatte im Geben und Nehmen außer euch, ja, dass ihr mich auch in Thessalonich das eine oder andere Mal unterstützt habt. Um deutlich zu machen, was hier zwischen der Gemeinde in Philippi und Paulus geschieht und geschehen ist, werde ich das Geschehen aus zweierlei Perspektive darstellen. Zum einen spricht Lydia aus Philippi. Sie war keine Jüdin, aber eine gottesfürchtige Heidin, die sich zur Gemeinde der Juden in Philippi hielt. Danach kommt Paulus zu Wort. Hören Sie nun zunächst Lydia: Es ist zwar schon eine Weile her, dass Paulus hier in Philippi war, aber ich werde diesen Tag wohl nie vergessen. Seine Rede hat mich zu Christus gebracht. Ich stamme aus Thyatira bei Pergamon in Kleinasien. Mein Mann und ich zogen hierher und gründeten ein Geschäft für Purpurfarbstoffe, das ich nun nach seinem Tode weiterführe. Ich habe mich schon frühzeitig unter den Religionen hier in der Stadt umgeschaut. Am besten gefiel es mir bei den Juden. Sie besitzen ein ehrwürdiges Buch mit Geschichten, die mir gefallen. In Philippi gibt es nur eine kleine Gruppe Juden, deswegen haben sie keine Synagoge, kein Versammlungshaus. Sie treffen sich zu Beginn des Sabbats am Fluss: Es sind Juden, Sympathisanten wie ich und auch andersgläubige Interessierte. Manchmal kommen auch Boten aus Jerusalem, feiern den Sabbat mit uns oder berichten vom Leben am Tempel. Es kommen aber auch Vertreter von anderen Religionen der Stadt, die uns einladen und bekehren wollen. Ja, sogar Zauberer und Wundertäter tauchen auf, bieten uns ihre Künste an und fordern dann lautstark ihr Honorar ein. Als ich damals zu unserem Versammlungsort unten am Fluss kam, sah ich sofort, dass ein Gast anwesend war, Paulus, wie man mir zuflüsterte. Er saß in einer Gruppe von unseren Leuten und diskutierte mit ihnen. Als er dann gebeten wurde, ein Wort zu Sabbat zu sagen, sprach er kein formales Gebet sondern hielt eine lange und interessante Rede, wie ein geschulter Redner. Ich war überrascht. Ich hörte eine Botschaft, die mein Herz erreichte, eine Botschaft, mit der ich leben wollte. Paulus las aus unserer Bibel vor, aus Gesetz und Propheten. Es war klar, dass er die Schriften kannte und wirklich studiert hatte. Aber er bewies aus den Worten der Bibel, dass diese Christus ankündigten, dass er gekommen ist, uns zu erlösen, dass er sich opfern würde für unsere Sünden, dass er sich für uns kreuzigen ließ. Und dieser Christus war keine ausgedachte Gestalt, er hatte gelebt und gepredigt in Israel und war von den Römern hingerichtet worden. Doch das war nicht das Ende: Gott hat ihn wieder ins Leben gerufen, er ist gegenwärtig als der von uns erwartete Messias, das heißt ja Christus in unserer Sprache. Wer an ihn glaubt, der ist gerettet. Ich war begeistert. Ich fragte, was ich tun müsse, um zu diesem Christus zu gehören. Und Paulus verwies mich auf die Taufe. Ich ließ mich sogleich mit all meinen Dienerinnen und Dienern taufen und wir bekannten vor der Gemeinde, dass Christus nun unser Herr ist. Ich sagte Paulus, dass er hier weiter predigen solle und lud ihn und seine Begleiter ein, bei mir in der großen Villa zu wohnen. Nach einigem Zögern willigten sie ein. Mein Haus wurde so der Ausgang der Verkündigung, durch die hier eine Gemeinde entstand. Denn mein Beispiel machte Schule. Es ließen sich noch viele andere taufen. Lange hielten sich Paulus uns seine Begleiter nicht in Philippi auf. Es gab noch einige Kontakte, ab und zu eine Botschaft. Von uns erhielt er einige Male eine kleine Kollekte, als er in Thessalonich war, nicht weit von uns. Doch dann kam die Nachricht, dass er in Ephesus im Gefängnis saß. Er hat ja keine Familie, die ihn im Gefängnis mit Essen versorgen kann. Außerdem brauchte er vielleicht Geld, um die Wärter zu bestechen, damit man ihn besser behandelt. Ich habe sofort hier in Philippi die Gemeinde zusammengerufen, wir haben gesammelt und unseren Epaphroditus mit einer ganz ansehnlichen Summe nach Ephesus geschickt als Zeichen der Hilfe aber auch der Dankbarkeit. Wir sind ja zutiefst dankbar, dass er uns die frohe Botschaft gebracht hat, und wir möchten ja auch, dass er bald wieder frei kommt und das Evangelium auch in anderen Städten predigt mit ebensolchem Erfolg wie bei uns. Das war Lydia aus Philippi. Paulus sitzt in Ephesus im Gefängnis und seine Freunde kommen täglich zu ihm und versorgen ihn, so gut es geht. Eines Tages kommt Epaphroditus mit den Nachrichten aus Philippi und dem Geld, das die Gemeinde für Paulus gesammelt hat. Paulus denkt über seine Arbeit nach und das, was ihn mit der Gemeinde in Philippi verbindet: Ich freue mich, dass die Philipper Epaphroditus zu mir geschickt haben. Wie schön ist es, von Menschen zu hören, denen man vor einiger Zeit begegnet ist. Ich habe ihnen das Evangelium gepredigt, wie ich es in allen jüdischen Gemeinden tue, wenn ich in eine andere Stadt komme. Die Philipper waren offen für die frohe Botschaft, die ich ihnen gebracht habe, sogleich ließen sich Lydia und auch andere taufen. Ich glaube, der Heilige Geist hat bewirkt, dass so viele Menschen dort zum Glauben an Jesus Christus gekommen sind. Es sind sehr freundliche Menschen dort, die mich einluden, mit ihnen zu essen und zu trinken, die mich unter ihrem Dach wohnen ließen. Sie sind mir wie Schwestern und Brüder. Das war nicht immer so Makedonien, nein, ich habe ganz andere Gemeinden kennen gelernt. Woanders hat man mich davon gejagt, nachdem ich gepredigt hatte. Aber in Philippi habe ich mich wohl gefühlt. Ich will ja gar nicht, dass die Gemeinden für meinen Lebensunterhalt aufkommen, denn das könnte so aussehen, als ob sie für das Evangelium bezahlen müssten. Das Evangelium richtet sich an alle Menschen, an Arme und Reiche, an Freie und Sklaven, an Männer und Frauen. Wie könnte man Geld verlangen für eine Tröstung oder für die Liebe Gottes? Das sei ferne! Der Zugang zum Evangelium ist für alle offen. Und wenn eine Gemeinde arm ist, dann zahlt sie dem Prediger nichts. Ich bin ja Zeltnäher, ich kann Zelte nähen, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich reise nicht, um vom Evangelium zu leben, ich reise für das Evangelium, ich reise, um das Evangelium zu verbreiten, um den Menschen zu sagen, dass sie gerettet sind, dass der Messias gekommen ist. Es ist gut, dass ich Zelte nähen kann, das macht mich unabhängig von den Gemeinden, ich bin nicht angewiesen auf ihren Reichtum und ihre Freigiebigkeit. Sehr wohl angewiesen bin ich allerdings auf Gott, der mich auf diesen Weg geschickt hat. Wenn ich an meine Aufgabe denke, dann vergesse ich fast, ob ich hungere oder ob ich für die Nacht kein Dach über dem Kopf habe. Es spielt auch letztlich keine Rolle, ob ich satt zu essen habe, es spielt aber sehr wohl eine Rolle, ob ich das Evangelium in einer Gemeinde predige. Dafür setze ich mich ein, das ist das Wichtigste in meinem Leben, das ist der Auftrag, den ich von Gott bekommen habe, und den möchte ich erfüllen. Und ich spüre, dass Gott mich unterstützt, er gibt mir die Kraft, trotz aller Widrigkeiten und Verfolgungen, trotz aller Gefängnisaufenthalte und Prozesse weiterzumachen, nicht aufzuhören, das Evangelium zu predigen. Für mich bedeutet das Evangelium Vergebung meiner Schuld und Erlösung aus dem Elend dieser Welt. Dass all meine Schwestern und Brüder auch diese wunderbare befreiende Botschaft hören, das ist der Auftrag, den der Herr mir gegeben hat. Und nun kommt Epaphroditus zu mir und bringt mir Geld aus der Gemeinde in Philippi. Die Menschen in Philippi sind selbst nicht reich, und doch haben sie Geld für mich gesammelt. Ich kann das nur so verstehen, dass sie dankbar dafür sind, dass ich ihnen das Evangelium verkündet habe und dass sie aus dieser Dankbarkeit heraus mir von dem wenigen, was sie haben, abgeben. Ich habe jetzt mehr als genug, ich bin mit allem versorgt. Ich bitte Gott für meine Geschwister in Philippi, dass er ihnen reichlich gebe alles, was sie zum Leben brauchen. Diese Geschichte hat sich vor etwa 2000 Jahren abgespielt. Natürlich sind unsere Gefängnisse heute nicht mehr so, natürlich kommen unsere Pastoren nicht für die Verkündigung des Evangeliums in Gefängnis. Aber was daran ist für uns heute noch wichtig? Paulus hat den Auftrag von Gott, Jesus als den gekommenen Messias zu verkündigen. Er ist sich dieses Auftrages ganz sicher, so, wie die Propheten im Alten Testament sicher sind, dass sie in Gottes Auftrag sprechen. Paulus schämt sich des Evangeliums nicht, obwohl er bisweilen heftig kritisiert und angegriffen wird um seiner Botschaft willen. Alles Alltägliche tritt hinter diesen Auftrag zurück, ob er hungert oder kein Dach über dem Kopf hat, alles wird unwichtig angesichts der großen Aufgabe, das Evangelium zu verkündigen. Mir scheint, das Thema Verkündigung oder Mission sollte auch bei uns heute durchaus aktuell sein. Unsere bundesrepublikanische Gesellschaft ist zunehmend entchristlicht, obgleich viele Menschen nach religiösen Ankern in schwierigen Zeiten suchen. Sie wenden sich allerlei Esoterikgruppen oder glaubensmäßig engen Vereinigungen zu. Dabei hat ihnen das Christentum eine wunderbar befreiende Botschaft zu bringen. Und die christlichen Kirchen sollten sich um diese suchenden Menschen bemühen. Wenn wir auf Paulus schauen, dann sollten wir versuchen, mit dem gleichen Mut und mit der gleichen Leidenschaft unseren Glauben zu bekennen und uns für die Verbreitung des Evangeliums einzusetzen. . Zum anderen sollten wir uns die Philipper vor Augen halten, die sich von der Predigt des Paulus anrühren lassen. Sie lassen sich begeistern von der frohen Botschaft. Wo gibt es das unter uns? Wo jubeln die Christen über ihre Erlösung? Und diese Begeisterung drückt sich im Handeln der Philipper aus: Sie rufen in der Gemeinde zu einer Kollekte für den gefangenen Paulus auf. Sie verdanken Paulus ihren Glauben, der sie befreit von ihrer Schuld und der ihnen Hoffnung gibt. Sicher hat dieser Glaube ihr Leben in entscheidender Weise verändert. Die Bewegung, die durch den heiligen Geist in ihr Leben gekommen ist, setzt sich in ihrem Handeln fort.- Das war sicher ein Sonderfall von christlicher Dankbarkeit. Doch Dankbarkeit kann viele Formen annehmen. Der Heidelberger Katechismus ordnet das Halten der Gebote ein in das Kapitel „Von der Dankbarkeit“. Wir danken Gott dafür, dass er uns Trost und Geborgenheit gibt. Aus Dankbarkeit möchten wir etwas von dem weitergeben, was wir empfangen haben. Dabei gibt es viele Möglichkeiten: Die Unterstützung von Bedürftigen, das Geld, das wir Hilfsorganisationen spenden. Ich könnte mir sogar vorstellen und es würde mich freuen, wenn aus solcher Dankbarkeit heraus unserer Gemeinde in ihrer desolaten finanziellen Lage kräftig mit Spenden geholfen wird. Doch es geht nicht nur um Geld. Was können wir nicht alles geben? Wir können unsere Zeit geben, um Kranke zu besuchen oder Ratlosen zuzuhören. Wir können Einsame trösten. Wir sagen uns allzu leicht, dass wir keine Zeit haben oder dass wir das ja gar nicht können. Doch unterschätzen wir nicht das Wirken des Heiligen Geistes! Ich denke an mein eigenes Erlebnis: Nach meinem Unfall haben mir viele Menschen aus der Gemeinde geholfen, ich war sehr dankbar dafür. Als bald nach meiner Genesung die Pfarrstelle vakant wurde, habe ich mich entschlossen, die Vertretung zu übernehmen, um etwas von dem zurückzugeben, was ich mit großer Freude empfangen hatte. Es gibt keine fertigen Rezepte für die Dankbarkeit. Ich glaube, das Wichtige ist, dass man sich vom Heiligen Geist in Bewegung versetzen lässt. Dass man sich der Wohltat von Seiten Gottes öffnet, dann sieht man plötzlich, wo welche Hilfe gebraucht wird und dass man diese Hilfe dann auch leisten kann. Wenn die Menschen so miteinander umgehen, dann wird schon hier auf Erden ein kleines Stück vom Reiche Gottes sichtbar. Amen. | |