| | Predigt über 1. Mose 12, 1-3 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen. „Ziehe mit mir in ein anderes Land, kündige in deiner Firma, lass deinen Freundeskreis und die weitere Familie hier zurück. Deine Kleinfamilie kannst du mitnehmen und ich werde dafür sorgen, dass du reich und einflussreich wirst.“ – Wenn ein Freund Ihnen das sagen würde, was würden Sie denken? Was würden Sie antworten? Und vor allem: Was würden Sie tun? Vor einem ähnlichen Einschnitt in sein Leben befand sich Abraham, so wird es im 1. Buch Mose 12 ,1+2 erzählt: Abraham wird aus seiner vertrauten Welt gerufen auf den Weg mit Gott. Das ist ein totaler Umbruch. Hören Sie den Text der Bibel: Und der Herr sprach zu Abram: Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Hause deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich will dich zu einem großen Volk machen und will dich segnen und deinen Namen groß machen, und du wirst ein Segen sein. Sicher, Abrahams Situation ist nicht dieselbe wie unsere, er wird von Gott berufen, wir nur von einem Freund. Aber stellen wir uns einmal vor, was solch ein Ruf für uns bedeuten würde. Vielleicht haben Sie ähnlich wie ich reagiert, als Sie das Angebot gehört haben. Wenn ich in dieser Situation stünde könnte ich nur nein sagen, nie und nimmer! Meine Familie, mein Freundeskreis, meine Arbeit, meine gesellschaftliche Stellung, mein Haus, mein Gehalt, meine Rente, mein Land, meine Sprache, - auf all das soll ich verzichten, alles soll ich hinter mir lassen? Nein! Wenn ich das alles zusammen betrachte, dann sehe ich, dass ich fast alle meine Sicherheiten aufgeben würde, alles, was mir lieb und vertraut ist, müsste ich dann hinter mir lassen. Da ich ja auch für meine Kleinfamilie verantwortlich bin, würde ich auch meiner Familie die Sicherheit entziehen durch einen solchen Schritt. Ich frage mich, ob das nicht verantwortungslos wäre. Aber ich frage auch in die andere Richtung: Wie sicher sind denn meine Sicherheiten? Sagte nicht Herr Blüm vor langer, langer Zeit: „Die Renten sind sicher“. Seitdem sind die Renten geringer geworden, sie werden nicht erhöht, während überall die Preise steigen. Das, was über Jahrzehnte in die Rentenversicherung eingezahlt wurde, ist längst ausgegeben. Die Renten sind nicht sicher, ebenso wenig vieles andere in meinem Leben. Ich habe häufig von Verwandten und Gemeindegliedern erzählt bekommen, wie es in Zeiten des Krieges und in der Nachkriegszeit war: Plötzlich galten völlig andere Werte als vorher, die Gesellschaft wurde geradezu auf den Kopf gestellt. Wer vorher oben war, fand sich plötzlich ganz unten wieder, wer vorher wenig galt, war plötzlich der Herrscher über andere. Auf ewig sicher ist unsere Gesellschaftsordnung nicht, auch wenn es in den letzten 65 Jahren den Anschein hatte. Das Leben lehrt uns, dass Veränderungen zum Leben gehören. Wir brauchen in unserem Leben Sicherheiten, um mutig voranschreiten zu können, aber wir haben diese Sicherheiten oft gar nicht, wir tun nur oft so, als hätten wir diese Sicherheit, wir verdrängen unsere Ängste, um weiter leben zu können Wenn man die Sicherheiten im Leben hinterfragt, dann stellt sich bald heraus, dass es nur vorläufige Sicherheiten sind. Alles können wir verlieren, auch Freunde und liebe Verwandte werden uns irgendwann durch den Tod entrissen. Es ist unser Los als Menschen, dass wir uns tastend durch unsere Welt bewegen, immer auf der Suche nach Schutz und Halt, um zu überleben. Unser eigener Tod schließlich ist der Verlust der letzten Sicherheit in dieser Welt. Wir denken zwar nicht gern daran, aber wir wissen alle, dass wir sterben müssen. Lied 209, 1 Der Mensch, der diese Geschichte von Abraham aufgeschrieben hat, war kein Zeitgenosse Abrahams. Er predigt hier seinen Zeitgenossen. Er möchte ihnen zeigen, was Glaube ist und was Glaube bedeutet in der Welt. Israel lebt zu seiner Zeit bereits in Kanaan, in dem Land, in das Abraham wandern soll. Es gibt bereits das Volk Israel und es ist ein großes Volk für die damaligen Verhältnisse. Der Prediger dieser Geschichte will seinen Zeitgenossen sagen, dass es darauf ankommt, mit Gott unterwegs zu sein, nur auf Gott sollen sie sich verlassen. Seine Zeitgenossen sollen sich klar vor Augen führen, dass Gott sich ein Volk aus dem Nichts erschaffen kann. Für Gott ist alles möglich. Es kommt auch nicht darauf an, ob die Juden z.B. im Tempel von Jerusalem opfern und beten. Das Volk soll wie Abraham mit Gott unterwegs sein, Gott ist überall. Gott kann man ebenso gut in Babylon anbeten. Das Entscheidende ist, dass das Volk Gott gehorcht und an ihn glaubt wie Abraham. Abraham ist das große Vorbild im Glauben sowohl für die Juden als auch für Paulus und die Christen. Doch kommen wir zurück zu unserer Geschichte. Wenn mir also ein Freund das Angebot machte, würde ich mir doch auch die Frage stellen: Wer ist denn dieser Freund, der mir da allerlei verspricht? Habe ich in der Vergangenheit gute Erfahrungen mit diesem Freund gemacht? Konnte ich seinen Worten rückhaltlos vertrauen? Hat dieser Freund es denn wirklich in der Hand, dass ich in der Fremde reich und berühmt werde? Weiß Abraham, dass er sich auf seinen Gott verlassen kann? Hat er hat die Erfahrung gemacht, dass Gott ihn in schwierigen Situationen nicht allein lässt, dass er ihn nicht fallen lässt, wenn es hart auf hart kommt? Traut er Gott zu, dass er ihn mit sicherer Hand in das fremde Land führt? In der Bibel findet sich vor dieser Geschichte der Turmbau von Babel. Abraham war nicht dabei. Damit endet die mythische Geschichte der gesamten Menschheit. Dann folgt der Stammbaum Abrahams, seine Vorfahren und seine Verwandtschaft. Nichts wird von irgendwelchen Begegnungen Abrahams mit Gott berichtet. Der Blick des Lesers wendet sich jetzt auf diese kleine Figur Abraham. Die ganze Abrahamgeschichte beginnt mit dieser Aufforderung Gottes und der Verheißung, dass Gott Abraham zu einem großen Volk machen, ihn segnen und berühmt machen will. Abraham schaut auf keine lange Vergangenheit mit Gott zurück, er kann keine Hoffnung schöpfen aus irgendwelchen Heilstaten Gottes in der Vergangenheit. Auch seine gegenwärtige Situation weist keineswegs auf die glänzende Zukunft, die Gott ihm da ankündigt: Abraham hat keine Kinder, wie soll er da zu einem großen Volk werden? Er ist einer von drei Söhnen seines Vaters Terach. Wer ist das schon? Irgendein unbedeutender Mensch, wohl ein Nomade der Frühzeit, der an Lebenskraft seinen Vorfahren schon deutlich nachsteht. Was soll da aus Abraham werden? Doch wohl auch so eine kleine Nummer ohne Bedeutung, vermutlich mit noch weniger Lebenskraft als der Vater. Er befindet sich auf dem absteigenden Ast, und da verheißt Gott ihm, zu einem großen Volk zu werden, reich und berühmt. So ziemlich alles scheint gegen die Erfüllung dieser Verheißung zu sprechen. Wir würden vermutlich einen Mitmenschen als töricht bezeichnen, der sich auf solche Versprechungen einlässt, alle Sicherheiten im Stich lässt und ins Ungewisse zieht. Der Spatz in der Hand ist uns doch allemal lieber als die Taube auf dem Dach. Abraham glaubt Gott und gehorcht: Er öffnet die Hand und lässt den Spatz fortfliegen. Nichts hat er mehr außer der Verantwortung für seine Familie und seinem Gottvertrauen. Gott hat versprochen, dass er ihn führt. Wer einen Menschen führt, muss immer bei ihm sein, an seiner Seite. Wenn Abraham in Not gerät auf seiner Wanderung, dann wird Gott an seiner Seite sein und ihm helfen. Wenn Gott denn groß und Furcht einflößend an Abrahams Seite zu sehen wäre! Dann würden alle Feinde einen großen Bogen um ihn machen. Aber Gott ist unsichtbar an seiner Seite, nur in seinem Inneren spürt er, dass Gott bei ihm ist, immer, wenn Furcht ihn befällt, sagt Gott zu ihm: Ich bin bei dir, ich verlasse dich nicht, sieh, ich führe dich, dich habe ich erwählt, dir habe ich meine Verheißung gegeben, dich liebe ich. Es ist eine innere Stärke, die Abraham da zuwächst, niemand kann sie mit Waffengewalt gefährden oder bezwingen. Dass Abraham, dieser Niemand, dieses Nichts, sich in der großen Welt zurechtfindet, dass er sich durchsetzt, dass er den Anfeindungen der Feinde in der Fremde gewachsen ist, scheint unvorstellbar zu sein, wenn nicht unmöglich. Aber was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich. Und für Abraham ist es mit Gott möglich . Lied 209, 2 Die Geschichte der Juden und Christen ist reich an Aufbrüchen ist Ungewisse, denken Sie an den Auszug der Israeliten aus Ägypten, denken Sie an den Aufbruch in die Heimat nach den Jahren des Exils. Denken Sie an Jesus, der ohne Heim und Herd war und mit seinen Jüngern umherzog oder an Paulus, der in die unbekannte Fremde zog, um zu missionieren. Es sind immer wieder Aufbrüche, Neuanfänge, aber es sind immer Aufbrüche mit Gott. In den meisten Fällen würden wir sagen, es war leichtfertig oder gar leichtsinnig, die Sicherheiten aufzugeben. Die Israeliten in der Wüste vermissen dann ja auch die gefüllten Fleischtöpfe, die es in Ägypten gab. Das Unterwegssein ist alles andere als gemütlich und bequem, es gibt Entbehrungen, es gibt Bedrohungen, es gibt Ängste und Kämpfe. Man muss sich immer wieder neu auf andere Gegebenheiten einstellen. Das ist nicht leicht, aber wir wachsen auch daran, wir bleiben beweglich und lebendig und Gott hat versprochen, dass er mit uns geht. Etwas Ähnliches ist auch bei der Reformation geschehen: Die Reformatoren wollten der bestehenden Kirche eine neue Form geben. Die katholische Kirche war durch ihre Macht verknöchert und nicht mehr lebendig. Sie war eine Institution, der es darum ging, die eigene Macht zu erhalten. Die Auseinandersetzung mit Gott, das Gebet, das Gespräch mit Gott, all das war erstarrt zu feststehenden Formeln, zu fest geprägten Sätzen, die immer wieder wiederholt wurden. Die Reformatoren blickten zurück auf das Wort Gottes, wie es uns im Alten und Neuen Testament begegnet. Und sie blickten nach vorn, wenn sie forderten, die Kirche solle eine „ecclesia semper reformanda“ sein, d.h. eine Kirche, die stets weiter zu reformieren sei. Das ist nicht das Festhalten an den viel gelobten Sicherheiten, das ist weder Bequemlichkeit noch Ruhe. Das ist eine ständige Bewegung ins Unbekannte, in die Zukunft hinein, und die Wegweisung dazu gibt Gott, das ist der Weg des Abraham ins Unbekannte, doch Gott steht ihm bei, er führt und leitet ihn. Was heißt das nun für uns und unser Leben? Wir sind keine Nomaden mehr, wir ziehen nicht mehr in der Welt herum, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Wir müssen nicht durch Wüsten ziehen, um wieder in fruchtbares Land zu kommen. Und der große Aufbruch, findet der in unserem Leben statt, der Aufbruch in ein anderes Land? Und wenn wir aufbrechen, ist es dann ein Aufbruch mit Gott? Die äußere Form des Lebens hat sich seit Abrahams Zeiten verändert, aber die inneren Befindlichkeiten sind den seinen ganz ähnlich: In wie vielen Lebensläufen gibt es heute Brüche? Viele von uns haben den Arbeitgeber gewechselt oder die Arbeitstelle. Jedes Mal ist es ein Aufbruch in unbekanntes Gelände. Auch eine schwere Krankheit kann uns dazu bringen, neu über unser Leben nachzudenken und die Schwerpunkte anders zu setzen. Was nützt es uns, wenn wir die ganze Welt gewinnen und nehmen doch Schaden an unserer Seele? Auch das ist ein Aufbruch, wir wissen nicht, ob der Weg in die Wüste führt oder ins Paradies. Für junge Paare kann die Geburt eines Kindes ein Aufbruch sein in eine ganz andere Form des Zusammenlebens. Jeder muss sich in seine neue Situation einfügen, ob das gelingt, ist nicht immer gesagt. Und schließlich ist auch der Verlust der Eltern oder des Ehepartners ein tief greifender Einschnitt in unser Leben, fast alles im alltäglichen Leben verändert sich und wir müssen uns auf die Wanderung machen, heraus aus den gewohnten Bahnen. D.h. auch wir sind unterwegs wie Abraham, wir wissen nicht, in welches Land wir kommen werden, wir können uns letztlich nicht absichern gegen irgendwelche Risiken. Die Netze, an denen wir ein Leben lang knüpfen, halten uns möglicherweise nicht, wenn wir straucheln oder fallen. Leben heißt, immer unterwegs sein, nicht stehen bleiben. Das ist unbequem, das ist auch gefährlich. Wir müssen uns wie Abraham immer wieder aus dem Alten lösen und einen neuen Anfang suchen. Aber wir dürfen wie Abraham darauf vertrauen, dass Gott mit uns geht. Lied 209, 4 So brauchen auch wir wie Abraham einen, der mit uns geht. Wenn wir durch die finsteren Täler unseres Lebens gehen, dann brauchen wir Stecken und Stab unseres Hirten, der uns leitet und führt, dann brauchen wir kein Unheil zu fürchten. Das heißt nicht, dass uns kein Unglück widerfahren wird. Denken Sie nur an die Israeliten in der Wüste: Durst, Hunger, Schlangen, Feinde, das ist keine grüne Aue oder das Paradies, das ist Wüste. Wir Menschen malen uns allzu oft und allzu gern aus, was geschehen müsste, wenn wir in Schwierigkeiten geraten. Meist können wir ganz genau sagen, wo und wie Gott jetzt eigentlich eingreifen müsste, um uns zu helfen. Doch Gott ist kein Mensch. Gott ist nicht berechenbar und wir können ihn nicht für unsere Zwecke benutzen. Wir können auch nicht von ihm fordern, uns in dieser oder jener Angelegenheit zu helfen. Wir können Gott bitten, wir können zu ihm beten, aber wir werden erfahren, dass er manchmal eben gerade nicht das tut, was wir von ihm erwarten. Er lässt auch nicht mit sich handeln, etwa nach dem Schema: Ich bete besonders häufig oder ich gebe eine große Spende und Gott muss mir dann auch helfen. Wir werden Unheil erfahren, wir werden auch Unglück haben, wir müssen durch die finsteren Täler unseres Lebens hindurch. Wenn wir mit Gott wandern, dann heißt das nur, dass wir nicht allein sind, dass wir nicht allein damit fertig werden müssen. Wir können uns wie Abraham sagen: Gott, der allmächtige Herr, liebt mich, er ist unsichtbar bei mir, wohin ich auch gehe. Wenn ich meine finsteren Täler oder meine Wüste durchquere, dann verlässt er mich nicht. Ich bin geborgen in seiner Liebe und ich wandere in seinem Schutz. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann kann ich zu ihm beten. Er ist da, er hört mich und er kennt meine Schwierigkeiten. Er nimmt mich ernst und ich hoffe auf seine Antwort. Mehr kann ich nicht erwarten, aber auch nicht weniger. Amen. | |