8) Psalm 88
  9) Jona 3,10-4,11
 10) Jesaja 66,13
 11) 1. Sam 18,6-16
 12) Jak 4,1-3
 13) 1.Petr 5,5-6

 

Predigt über Röm 1.16-17

 


Predigt über Röm. 1, 16-17

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Wenn ich einen handgeschriebenen Brief bekomme, dann geht es meistens um ganz private Dinge, die mir da mitgeteilt werden. Ich kenne den Hintergrund und in der Regel kann ich auch einschätzen, was der Schreiber mir da sagen wollte.

Beim Römerbrief ist die Lage etwas anders: Paulus schreibt an die christliche Gemeinde in Rom. Wir müssen wohl davon ausgehen, dass ganz bestimmte Anfragen oder Probleme dem Paulus zugetragen wurden, auf die er hier im Römerbrief antwortet. Gleich zu Anfang des Briefes, im 1. Kap. in Vers 16 und 17 schreibt Paulus gleichsam als Vorwort zum eigentlichen Brief:

Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; eine Kraft Gottes ist es zur Rettung für jeden der glaubt, für die Juden zuerst und auch für die Griechen. Gottes Gerechtigkeit nämlich wird in ihm offenbart, aus Glauben zu Glauben, wie geschrieben steht: Der aus Glauben Gerechte wird leben.

Wenn man das so hört, hat man Mühe zu folgen. Paulus spricht hier vom Evangelium, vom Glauben, von der Gerechtigkeit, von der Kraft und vom Leben. Diese Begriffe sind längst nicht so alltäglich und vertraut wie Essen und Trinken, deswegen ist es so schwer zu verstehen, was Paulus eigentlich meint. Ich möchte nun versuchen, diese Begriffe und ihren Zusammenhang zu erklären, damit die Botschaft des Paulus uns auch noch nach 2000 Jahren erreicht. Denn ich denke, er hat uns schon etwas zu sagen, was auch in unserem Leben heute noch eine Rolle spielt.

Ich möchte mit dem Begriff Evangelium beginnen. Gemeint ist hier nicht der Text des  Matthäusevangeliums oder der von Markus, Lukas oder Johannes. Paulus benutzt das Wort im ursprünglichen Sinn: Gute Nachricht oder frohe Botschaft. Und die frohe Botschaft, die er uns übermitteln will, lautet: Gottes Gerechtigkeit wird im Evangelium aus Glauben offenbar.

Es ist die Frage, was Paulus mit Gottes Gerechtigkeit meint. Dieser Begriff ist uns heute nicht mehr geläufig. Es geht darum, was der Mensch tun soll, um von Gott bestehen zu können oder gerecht zu sein, also wie er sich verhalten soll, damit Gott ihn liebt und akzeptiert.                                              

Den Menschen in der Antike war klar, dass man sich die Götter gnädig stimmen muss, durch Opfer, durch Gebete, durch Almosen, durch das Einhalten religiöser Vorschriften und Gebote.

Den Juden war es klar, dass man die Gebote Gottes halten sollte. Und Paulus war Jude, und er kannte die Religiosität seiner Glaubensbrüder, deswegen spricht er so. Sie erinnern sich sicher: Gott schließt mit dem Volk der Israeliten einen Bund. Gott liebt dieses Volk, es soll sein Volk sein, er will es schützen und begleiten auf dem Weg durch die Wüste und auf dem Weg durch die Zeit. Gott gibt den Israeliten seine Weisungen, seine Gebote, nach denen sie sich richten sollten. Wenn Paulus sich hier im Römerbrief über die Gerechtigkeit Gottes äußert, dann hat er Menschen vor Augen, die das Gesetz an die erste Stelle rücken. Sie versuchen, alle Gesetze und Gebote einzuhalten und sind auch noch stolz darauf, dass sie so handeln. Sie glauben, durch ihre Gesetzeserfüllung vor Gott gerecht zu werden.

Zu den Gesetzen gehören auch die 10 Gebote. So einfach die 10 Gebote formuliert sind, so schwer sind sie zu halten. Überlegen Sie einmal, Haben Sie falsch Zeugnis wider Ihren Nächsten geredet? D.h. haben Sie über Ihren Nächsten geklatscht und getratscht? Tut man doch allzu gern so im Kreis der Kollegen oder Nachbarn.  Oder haben Sie irgendetwas begehrt, was der Nächste hat? Sein tolles Auto? Sein Haus? Seine Arbeit? Sein Geld? – Sie sehen, nur allzu leicht strauchelt man. Und dabei habe ich nur zwei Gebote genannt.

 

Wenn es Gott nur darauf ankäme, dass wir alle Gebote halten, dann können wir im Grunde  nur scheitern, wenn wir unser Verhalten an den Geboten messen und ehrlich sind. Wir Menschen erfüllen Gottes Gebote nur unvollkommen, nur bruchstückhaft. Im Grunde müssten wir jetzt erwarten, dass Gott sagt: Nein danke. Wenn die Menschen ihre Verpflichtungen nicht erfüllen, dann bin auch ich nicht mehr an meine Verpflichtung gebunden, also schütze ich die Menschen nicht mehr und kündige ihnen meine Liebe auf. Ich begleite sie nicht auf dem Weg durch die Zeit. Verdient hätten wir mit unserem Alltagsverhalten allemal.

Aber Paulus äußert jetzt etwas Erstaunliches: Gott sagt sich nicht los von uns Menschen. Er beharrt nicht auf seinem Recht wie ein Oberlehrer oder ein Krämer. Gott sagt: Ich liebe dich, Mensch, trotz allem. Ich sehe, es tut dir leid, du bereust, was du getan hast. Ich liebe dich doch, Mensch, komm, ich vergebe dir, komm zu mir zurück, sei mir wie der verlorene Sohn, der in mein Haus zurückkehrt. Ich nehme dich in Ehren wieder auf. Denn ich liebe dich doch.

Das ist die gute Nachricht, das ist die frohe Botschaft. Nun kommt es darauf an, wie wir damit umgehen. Wenn wir das ungerührt hinnehmen und nicht darauf reagieren, bleibt die Botschaft wirkungslos. Das geschieht, wenn wir nicht an die frohe Botschaft glauben.

Wenn wir aber der Zusage Gottes vertrauen und glauben, dass er uns akzeptiert und liebt trotz all unserer Fehler, trotz all unserer Fehltritte im Leben, wenn wir das ganz fest glauben, dann ändert sich sehr wohl etwas in unserem Leben.

Manchmal erlebe ich das bei meinen Schülern: Wenn sie erwachsen werden, streifen sie die Sicherheit und das Selbstvertrauen, das sie als Kinder hatten, ab. Darunter entwickelt sich ein junger Mensch, der seinen Platz im Leben sucht. In dieser Zeit sind die jungen Menschen alles andere als sicher, sie testen und tasten, um sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Eine falsche Bemerkung kann sie schwer verletzen, ein einziger Misserfolg mutlos machen. Sie wissen genau, dass sie sich mit den Erwachsenen nicht messen können, sie sind noch schwach und unerfahren. Sie tragen ihr scheinbar dickes Fell zur Schau, indem sie sich supercool geben. Sie peppen ihr Selbstbewusstsein auf mit grünen Haaren, einem Ring in der Nase oder auch auffallender Kleidung. Und dann, plötzlich, sehe ich sie mit einem Partner oder einer Partnerin im Arm. Es ist unglaublich, welche Veränderungen das bewirkt: Die Augen des jungen Menschen strahlen, auch wenn der Freund oder die Freundin nicht mehr neben ihnen steht. Die Haare werden nicht mehr gefärbt, und die seltsamen Klamotten sind mit einem Mal auch out. Nur noch die Liebe zählt plötzlich. Wenn nur die Liebe des Freundes oder der Freundin bleibt, alles andere ist völlig nebensächlich. Der ganze Lebensinhalt besteht nur noch aus Liebe. Alles verändert sich.

Ein bisschen verrückt, sagt man sich dann als gestandener Erwachsener. Aber insgeheim bewundere ich auch die Absolutheit ihrer Liebe. Sie geben sich rückhaltlos ihren Gefühlen hin. Sie haben geradezu grenzenloses Vertrauen in den Freund oder die Freundin. Sie glauben mit all ihrer Kraft, dass die Liebe einzig und ewig ist. Die Liebe beflügelt sie zu Taten, deren man sie nicht für fähig hielt: Plötzlich erscheinen sie pünktlich in der Schule – natürlich um die Freundin zu sehen. Plötzlich legen sie unglaublichen Fleiß an den Tag, weil der Freund auch in Latein gut ist.

Wenn ich in gleicher Weise an die Liebe Gottes glaube, wenn ich mit derselben Intensität darauf vertraue, dass Gott mich liebt und mich trotz all meiner Fehler auch lieb behält, dann ändert sich für mich ebenfalls das ganze Leben. Natürlich gibt es einen Unterschied: Die menschliche Liebe ist endlich, aber Gottes Liebe ist unendlich und überdauert auch unseren Tod. Gottes Liebe ist im Gegensatz zur menschlichen wirklich einzig und ewig. Sie ist insgesamt viel umfassender als menschliche Liebe.

Ich hatte eben schon gesagt, dass die erste Liebe meine Schüler total verändert. In gleicher Weise und noch darüber hinaus müsste sich mein Leben auch verändern, wenn ich denn an die Liebe Gottes glaube. Vorbei ist die Unsicherheit, ob ich meinem Nächsten gefalle, vorbei das Streben, durch meine Leistung oder durch mein Verhalten auf mich aufmerksam zu machen, vorbei die Angst vor Misserfolgen und Verletzungen. Was kann mir denn geschehen, wenn Gott mich liebt? Was können mir die Menschen antun, wenn Gott zu mir hält und auch durch den Tod hindurch bei mir bleibt? Diese Liebe Gottes rettet mich vor der Verzweiflung über mein vielleicht nicht so gelungenes oder nicht gelingendes Leben. Sie rettet mich vor der Einsamkeit, sie rettet mich auch vor dem vielleicht vernichtenden Urteil meiner Mitmenschen über mich.

Wenn ich vorher, bevor ich an Gottes Liebe glaubte, ein ängstlicher Mensch war, der immer darauf bedacht war, vor seinen Mitmenschen etwas darzustellen, der sich ständig bemühte, durch eigene Leistung auf sich aufmerksam zu machen, hin- und hergezerrt von den Erwartungen seiner Mitmenschen, so bin ich jetzt ruhig, ich ruhe in Gott, ich brauche keine Angst mehr zu haben, ich kann ganz gelassen sein. Das ist die Kraft Gottes, die in mir wirkt, die mich und mein Leben verändert.

Der Predigttext endet mit dem Satz „Der aus Glauben Gerechte wird leben“. Wir haben eben schon gesehen, was „der aus Glauben Gerechte“ heißt. Es ist der, der an Gottes Liebe und Vergebung glaubt, der glaubt, dass Gott ihn trotz all seiner Verfehlungen liebt und der damit vor Gott bestehen kann. Dieser glaubende Mensch, so steht im Brief des Paulus, soll leben.

Die Aussage „Der aus Glauben Gerechte soll leben“ bezieht sich auf das Leben in dieser Welt. Wie wissen, wie das Leben in dieser Welt ist: Wie oft erleben wir, dass wir ein Leben im Grunde als Gefangenschaft beschreiben müssten.  Wir sind die Gefangenen unserer Ansprüche an das Leben, wir sind gefangen in den Netzen der Erwartungen unserer Mitmenschen, denn wir haben nicht die Freiheit zu sagen: „Ich verzichte“ oder „Nein, das will ich nicht tun“, weil wir vom Urteil unserer Nächsten abhängen. Wir hängen wie Marionetten an Fäden, die von anderen Menschen gezogen werden. Man könnte so weit gehen und sagen „wir werden gelebt“. Aber ist das ein Leben? Ist das ein Leben, das uns glücklich macht? Ist das ein erstrebenswertes Leben?

Wohl eher nicht.

Wenn wir aber an Gottes Liebe und Barmherzigkeit glauben, dann sind wir geborgen in Gott. Wir können in Gott ruhen und ohne Rücksicht auf das Urteil unserer Mitmenschen sagen „Dieses will ich tun und jenes nicht“. Ich muss nicht mehr meine Arbeitskraft verpfänden, um im Gegenzug von meinen Nächsten bewundert oder geliebt zu werden. Ich kann aus einer großen inneren Freiheit heraus sagen, dass ich dieses tun will, weil ich es sinnvoll finde, weil meinem Nächsten damit geholfen wird oder weil ich es gerne tun möchte. Auf der anderen Seite kann ich mit derselben inneren Freiheit sagen, dass ich jenes nicht tun will, weil ich es nicht für sinnvoll erachte, weil ich nicht etwas tun möchte, um meinem Nächsten zu gefallen oder um ihm zu imponieren. Kurz, ich werde deswegen kein ausschließlich ichbezogenes Leben führen, aber meine Maßstäbe haben sich verändert. Gott sagt mir in seinen Geboten, was gut ist und nützlich, sie sind mir Richtschnur und Maßstab, nicht das Urteil meines Nächsten. Der Heidelberger Katechismus ordnet die Gebote in das Kapitel „Von der Dankbarkeit“  ein. Ich bin Gott dankbar für seine Liebe und die guten Ratschläge für mein Leben, die Gebote. Und diese Dankbarkeit schickt mich auf den Weg zu meinem Nächsten.

 

 In unserem Kulturkreis gilt Leben als etwas überaus Positives. Im Hinduismus und Buddhismus ist Leben als Leid definiert, und damit etwas Negatives. Positiv ist dort, nicht mehr wiedergeboren zu werden. Wenn Leben also bei uns so hoch bewertet wird, dann ist im Brief des Paulus gemeint, dass Leben eine Belohnung ist. Man kann diese Aussage auch so verstehen, dass der glaubende Mensch das ewige Leben erlangen wird. Dieses ist eine im Neuen Testament gängige Hoffnung: Jesus Christus ist von den Toten als Erster auferstanden und wenn Jesus Christus wiederkommen wird, dann werden auch die Glaubenden wieder auferstehen. Dann werden sie im Reich Gottes leben und das Böse wird nicht mehr sein. Das sind Bilder, die aus unserer Welt genommen sind, um das Reich Gottes zu beschreiben. Doch das Leben im Reich Gottes ist etwas, was über unsere Erfahrung hier in dieser Welt hinausgeht. Aber wir dürfen darauf hoffen, im Reiche Gottes zu leben.

Das ist eine wunderbare Aussicht, wir dürfen ausruhen von all dem, was uns hier auf der Erde das Leben schwer macht. Das, was für Hindus und Buddhisten der Inbegriff von Leid ist, gibt es dann nicht mehr. Das ist eine Aussicht, die uns das Sterben leicht machen kann. Wir gehen nicht wider unseren Willen, gewaltsam weggezerrt aus dem Leben, sondern wir dürfen, wenn wir die Schmerzen des Sterbens durchlitten haben, befreit aufatmen, wir werden erwartet und willkommen geheißen wie der verlorene Sohn, der zu seinem Vater heimkehrt. Diese Zukunft, dieses Ziel ist erstrebenswert für den, der glaubt.

Doch richten wir unseren Blick noch einmal auf das Diesseits: Wenn ich unabhängig bin vom Urteil der Menschen, weil ich in Gott ruhe, dann wächst mir eine neue Kraft zu, die ich vorher nicht hatte. Es ist die Kraft Gottes, die in mir wirkt. Paulus nennt sie so in unserem Predigttext: Eine Kraft Gottes ist das Evangelium für jeden, der glaubt, für die Juden zuerst und auch für die Griechen. D.h. für alle, die glauben, entspringt aus dem Glauben diese Kraft, die uns durchs Leben trägt und führt, die uns das Leben und das Sterben leichter macht.

Der Glaube daran bleibt letztlich für uns Menschen unverfügbar, ich kann nur darum bitten, ich kann ihn nicht einfordern. Gott wird ihn mir schenken oder auch nicht. Es mag Zeiten in meinem Leben geben, da ich glauben kann, und es kann auch Zeiten geben, da ich von Zweifeln geschüttelt werde oder auch gar nichts glaube. Denken Sie z.B. an Hiob, der in eine heftige Auseinandersetzung mit Gott gerät, seine Frau rät ihm, Gott abzuschwören; aber er tut es nicht. Er bleibt im Gespräch mit Gott, obwohl sein Glaube an die Gerechtigkeit Gottes zutiefst erschüttert ist. Es mag sein, dass wir in unserem Leben Gott zeitweise aus dem Blick und aus dem Glauben verlieren, doch er lässt uns nicht los. So kann ich Gott immer wieder bitten, dass der Funke des Glaubens auf mich überspringt.

Paulus sagt am Anfang unseres Predigttextes, dass er sich des Evangeliums nicht schämt. Das ist ein persönliches Bekenntnis. Vermutlich hat er von der römischen Gemeinde erfahren, dass die Christen dort sich des Evangeliums schämten. Es ist ja auch nicht einfach, ganz anders zu leben als die Menschen der Umgebung. Auch für uns heute ist das schwierig.

Unsere Mitmenschen erwarten, dass wir dieses oder jenes leisten, dass wir uns dieses oder jenes anschaffen oder besitzen. Wenn wir ihren Vorstellungen genügen, akzeptieren sie uns, wenn wir es nicht oder nur unvollkommen schaffen, dann gehören wir eben nicht dazu. Das führt dazu, dass viele von uns ängstlich darauf bedacht sind, den gesellschaftlichen Zwängen zu genügen.

Doch davon befreit uns das Evangelium. Wir dürfen uns freuen und stolz sein, Gottes geliebte Kinder zu sein. Wir dürfen uns freuen über seine Zusage. Wir dürfen uns glücklich schätzen, in seiner Gemeinde zu leben. Wir schämen uns nicht, dass Gott und liebt und trägt durch unser Leben und durch unseren Tod hindurch. Amen.